Kategorie: Tagebuch

Übernachtungen in der Her(r)bergskirche..

Wie schläft es sich in einer Kirche? Gehöre zu den Ersten und probiere es aus! Komm nach Neustadt am Rennsteig, wo sich bis zum 31. September 2018 die einmalige Gelegenheit bietet in der ersten Her(r)bergskirche des Thüringer Waldes zu übernachten. Den wunderschönen Blick auf die morgendlich hell erleuchteten Farbglasfenster im Kirchenchor gibt es inklusive.

Ob Wandern und Radfahren entlang des Rennsteigs, Baden in den schönen Waldseen der Umgebung, Museumsbesuche, Wellnessauszeit, oder die traditionelle Thüringer Küche: die Mittelgebirgslandschaft des Thüringer Waldes rund um Neustadt hat vielfältige Freizeitmöglichkeiten zu bieten…

>> Hier geht es zur Buchung und allen weiteren Informationen.

Her(r)bergskirche Neustadt am Rennsteig, Juli 2018, Foto: René Zieger

Her(r)bergskirche Neustadt am Rennsteig, Juli 2018, Foto: René Zieger

Zum Abschluss ein französischer Abend

Gouères, Porc Orloff, et Iles Flottantes: Das waren die traditionell französischen Gerichte mit denen uns Anne-Laure an diesem letzten Abend der einwöchigen Ideenwerkstatt überraschte. Bevor wir aber die kulinarischen Besonderheiten an der großen Tafel in der Michaeliskirche genießen konnten, hieß es zunächst einmal: gemeinsam kochen!

Und so kam es, dass die mit der thüringischen Küche sonst so sicheren Neustädter Hobby-Köche und Köchinnen erst einmal gewaltig ins Schwitzen kamen. Nicht nur, weil die Originalrezepte auf Französisch waren, sondern auch, weil so manche Speise sehr viel Geduld und Feingefühl von den Teilnehmer*innen abverlangte. Kurz vorher noch einmal mit der eigenen Mutter in der Bretagne telefoniert, war es Anne-Laure die immer wieder zwischen den einzelnen Kochinseln hin und her wechselte, um genaue Anweisungen zu geben. Am Ende hat sich die Mühe und das Durchhaltevermögen der Teilnehmer*innen jedoch mehr als gelohnt. Bereits das Entrée mit den herzhaften ‚Gouères de la mamie’ wusste zu überzeugen.

Bei dem ein oder anderen Glas Chardonnay saß man dann im Anschluss des Kochkurses an den neu gebauten Tischen in der Michaeliskirche zusammen. Dabei kam man ins Gespräch und tauschte sich aus. Man berichtete sich gegenseitig von den Eindrücken der letzten Woche, erzählte von längst Vergangenem, aber blickte auch gemeinsam in die Zukunft. Wie kann es – speziell in Neustadt, aber auch darüber hinaus – weitergehen mit der Idee der Her(r)bergskirchen? Die zukünftigen Her(r)bergskirchen dürften nicht ausschließlich nur eine Art Leuchtturmeffekt bewirken, sie müssten auch gut in die lokalen Infrastrukturen eingebettet sein, warnte beispielsweise ein Teilnehmer des Abends. Was würde es helfen, wenn das Angebot zwar neue Gäste anziehen könnte, diese dann aber vor einem verschlossenen Tourismusbüro stünden, weil dieses – wie gegenwärtig – chronisch unterbesetzt bliebe? Ein ganzheitliches Denken ist von Nöten, um die Idee der Her(r)bergskirchen voran zu bringen, da war man sich einig. Nur gemeinsam und im Zusammenspiel mit den bestehenden Initiativen und Akteuren kann dieses Vorhaben gelingen.

Am Ende des Abends kam dann eine leicht wehmütige Stimmung innerhalb der Runde auf, war es doch der letzte Abend der durchaus intensiven und bewegten Woche in der Michaeliskirche. Auch und gerade weil viele Teilnehmer*innen das Programm der Ideenwerkstatt regelmäßig besuchten, lernte man sich von Tag zu Tag immer besser kennen und wuchs regelrecht zusammen. Dies war deutlich zu spüren an diesem ganz besonderen französischen Abend.

Hollywood in Neustadt

Man kennt sie, die unverkennbaren Intro-Sounds eines jeden großen Kinofilmes. Einprägsame Hymnen der bekannten Produktionsfirmen aus Hollywood, natürlich in eindrucksvoller Dolby Surround Qualität. Im Hintergrund das beständige Knistern einer alten Filmspule. Schon zu Beginn dieses ganz besonderen Kinoabends kam bei vielen Besucher*innen in der Michaeliskirche eine Art Gänsehautstimmung auf.

Diese Atmosphäre sollte sich während des unterhaltsamen Abends fortsetzen. Denn dank des leidenschaftlichen Filmliebhabers und Filmvorführers Hannes Ziegenhorn aus dem Nachbarort Großbreitenbach holten wir ein Stück Hollywood nach Neustadt. Mit Hilfe seines alten Filmvorführgerätes und dem imposanten Sound in Dolby Surround Qualität verwandelten wir die Michaeliskirche an diesem Abend in einen Kinosaal der besonderen Art. Bequeme und speziell gestaltete Sitz- und Liegegelegenheiten warteten auf die Kinogäste in der Michaeliskirche. Das selbstgemachte Popcorn und die erfrischenden Summer-Drinks durften dabei natürlich nicht fehlen.

Einen solchen Kinoabend könnte man doch öfter machen, meinten einige der Besucher*innen im Anschluss des Filmes. Vielleicht wieder in der Kirche, im bestehenden Gemeindesaal, oder auch Open-Air unter freiem Himmel, lauteten einige der Anregungen. Man würde – nach dem Erlebnis an diesem Abend – auf jeden Fall wieder kommen und vielleicht auch den/die Nachbar*in und Freund*in mitbringen. Das wäre toll!

Unsere Waldzeit – Die Ideenwerkstatt auf Wanderung

Mit einer Größe von knapp 900 Hektar ist ein Honigpilz (Armillaria ostoyae) aus der Gattung Hallimasch der größte lebende Organismus der Welt. Und nein, er befindet sich nicht im Thüringer Wald, sondern im Malheur National Forest östlich von Prairie City in den USA. Dass dieser Organismus – wie jeder andere auch – atmen muss und damit bei Frosttemperaturen einen spinnnetzartigen Schleier am Waldboden hinterlässt, verbindet ihn jedoch mit den zahlreichen Pilzarten, die auch rund um Neustadt zu finden sind. Jens Schmidt vom örtlichen Café und Hotel Edelweiß leitete die heutige Wanderung und wusste durchaus viele informative Details zu erzählen, über die heimischen aber auch fremden Wiesen und Wälder weit ab vom Thüringer Wald.

Ziel der kleinen Wanderung, an der sowohl Urlaubsgäste, das Team der Ideenwerkstatt, sowie Neustädter*innen teilnahmen, war der beschauliche Höllteich, nur unweit von Neustadt entfernt. Niemand der Teilnehmer*innen wusste jedoch, warum er diesen Namen trägt – dafür erfuhren wir postwendend hilfreiche Tipps und Tricks für das ‚Überleben im Wald’.

Diese mussten wir zum Glück nicht anwenden, hatte doch Jens mehr als genug Verpflegung mitgebracht. Büchsenwurst und Knacker von der Fleischerei aus dem Nachbarort, frisch gebackenes Brot aus Neustadt, dazu Heidelbeerschnaps aus der nahegelegenen Brennerei: Einige wollten gar nicht wieder los vom Höllteich, so gut schmeckte es.

Während der Wanderung und Brotzeit im Wald kam man aber auch ins Gespräch. Wandern sei im Trend, vor allem bei jüngeren Menschen, meinten die Einen. Da würde eine Her(r)bergskirche doch genau hinein passen in das Angebot, meinten wiederum die Anderen. Was wir zudem bezüglich des durchwachsenen Wetters von den Neustädter*innen lernten: ‚Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur schlechte Kleidung!’. Es war ein toller Vormittag mit einer sprichwörtlich wandernden Ideenwerkstatt.

Gemeinsames Singen mit dem Rennsteigchor

„Ich trommle mit der rechten Ferse und blinzle mit dem linken Aug’…“ war das Auftaktlied, mit dem der Rennsteigchor aus Neustadt alle Gäste zum gemeinsamen Singen und Tanzen einlud. Ein durchaus anspruchsvoller, jedoch alle Teilnehmer*innen direkt integrierender Auftakt eines unterhaltsamen und ausgelassenen Abends in der Michaeliskirche. Geleitet durch Robert Witter, erlebten wir eine instinktive Chorprobe für alle, in der die Grenzen zwischen Neustädter*innen und Gästen aus nah und fern schnell verblassten.

Dabei halfen auch die am gleichen Tag neu gestalteten und gemeinsam gebauten Hocker, waren Sie doch verbindendes und auflockerndes Element zugleich. Auch visuell traten sie durchaus in Erscheinung, so dass sich bereits erste Kaufinteressenten im Anschluss des Abends meldeten. Doch dafür waren und sind die Hocker nicht gedacht. Sie verbleiben auch langfristig in der Michaeliskirche, um auch in Zukunft quer gedachte Nutzungsszenarien – wie beispielsweise die an diesem Abend erlebte Chorprobe für alle – zu ermöglichen.

Noch ausgelassener und informeller wurde es im Anschluss des gemeinsamen Singens und Tanzens. Bei einem Glas Wein kam man ins Gespräch. Dabei rückte auch die Idee der Her(r)bergskirche immer wieder in den Vordergrund, die durch ein an diesem Abend in der Michaeliskirche errichtetes Zelt bereits haptisch erlebbar wurde. Man würde lieber in einem abgeschlossenen Raum übernachten meinten die Einen. Das Übernachten in der Kirche wäre ausschließlich etwas für junge Studierende mit wenig Geld, meinten die Anderen. Eine andere Teilnehmerin wollte direkt bleiben und sah bereits sehr deutlich die Wanderer in der zukünftigen Her(r)bergskirche nächtigen.

Wir blicken zurück auf einen Abend, der bei zahlreichen Teilnehmer*innen als ein geselliger und gemütlicher, vor allem aber gemeinschaftlicher Abend in Erinnerung bleibt. So etwas könne man doch öfter machen, hieß es direkt im Anschluss aus dem Kreis der Kirchengemeinde. Wir sind gleicher Meinung und freuen uns, wenn die Idee weiterverfolgt wird. Bis zum nächsten Mal in der Michaeliskirche mit dem Rennsteigchor!

 

Kleine Auszeit – Die Umgebung erkunden

Neustadt liegt direkt am Rennsteig, in Mitten des Thüringer Waldes. Nur ein paar Schritte entfernt von der Michaeliskirche verlaufen die unglaublich schönen Wanderwege rund um den Ort. Sie laden dazu ein, die weitläufigen Fichtenwälder, sowie die sattgrünen Wiesen und Weiden mit ihren Kälbern und Kühen zu erkunden.

Wir nehmen uns eine kleine Auszeit vom Trubel in der Kirche und laufen entlang des Rundwanderwegs parallel zum Bachlauf steil hinunter in das Tal. Unser Ziel ist der Ochsenbacher Teich. Ein durchaus beliebter Badesee, dennoch ganz versteckt in Mitten des Waldes. Auch im Hochsommer ist sein Wasser noch eisig kalt. Dafür macht es so richtig wach. Im Anschluss geht es durch den verwunschenen Fichtenwald wieder hinauf auf den Berg nach Neustadt. Reife Himbeeren hängen an den Sträuchern am Wegesrand, viele Blumen blühen auf den Wiesen: Gelb, rosa, rot, weiß und lila.

Auch die Kirchturmspitze der Michaeliskirche ist bereits weit vor Ankunft im Ort zu sehen. Am Horizont ragt sie leicht über die Wipfel der Bäume. Welch schöner Moment, realisieren wir doch, dass sich für Wanderer die zukünftige Her(r)bergskirche bereits hier erblicken lässt.

Neues Mobiliar für die Her(r)bergskirche

„Ich habe gehört, dass gebaut werden soll, da dachte ich, dass ich mein Handwerk einbringen kann.“, meinte der Neustädter Dachdecker, der an diesem Vormittag am Möbelbauworkshop mit Sebastian teilnahm. Neue Hocker und Tische sollten gemeinsam entworfen und gebaut werden. Was es dazu gab, war das Holz und eine erste Idee zur Fügung der Teile. Einen Holzknoten, verleimt und geschraubt, schlug Sebastian der Workshopgruppe vor. Dieses Fügungsprinzip sollte sich auch in der späteren Installation der Her(r)bergskirche wiederfinden.

Etwa 25 quadratische Hocker und drei Esstische waren das Ergebnis dieses ersten Bauworkshops. Vielseitig einsetzbare Möbel: das war das Ziel. Und dieses sollte sofort aufgehen. Innerhalb der einwöchigen Ideenwerkstatt kamen die neuen Möbel immer wieder zum Einsatz. Mal beim großen französischen Essen, beim gemeinsamen Singen mit dem Rennsteigchor, oder beim Skizzieren und Sammeln weiterer Umnutzungsideen für die Michaeliskirche. Am Ende bleibt neues Mobiliar – zunächst für die Ideenwerkstatt, im Anschluss für die zukünftigen Veranstaltungen der Kirchengemeinde. Wir sind gespannt für wofür es noch so dienen wird…

Zumba-Fitness-Kurs in der Kirche?

Was wäre eigentlich, wenn die örtliche Zumba-Fitness-Gruppe ihre wöchentlichen Sportstunden in der Michaeliskirche durchführen würde? Das wäre super und sicher ein tolles Erlebnis, würde viele sogar zum Zumba Tanzen begeistern, meinten die Einen. Tanzen und Sport in der Kirche würden gar nicht zu vereinbaren sein mit der geistlichen Nutzung des Kirchenraumes, meinten die Anderen.

Im Vorfeld des Abends wurde durchaus kontrovers diskutiert was in der Michaeliskirche nun ‚erlaubt’ wäre und was nicht. Damit ging der Plan der Ideenwerkstatt – nicht nur bei diesem Programmpunkt – durchaus auf. Wollte sie doch eben genau diese Reibungen und Diskussionen über die zukünftige Nutzung von Kirchenräumen zwischen den unterschiedlichen Akteuren vor Ort erzeugen. Ganz nach dem Motto ‚Produktive Reibung macht kreativ’ fand man schließlich doch einen gemeinsamen Kompromiss: Zumba-Tanzen im Kirchhof, die anschließenden Dehn- und Entspannungsübungen im Kirchenraum.

Etwa 25 bis 30 Menschen aus Neustadt und den umliegenden Dörfern kamen bei sehr gutem abendlichen Wetter zusammen, um an einem ungewöhnlichen Ort wie der Michaeliskirche ihren sportlichen Workout zu bestreiten. Unter Anleitung von Edina kamen die Teilnehmer*innen so nicht nur ins Schwitzen, sondern lernten sich zudem schnell und ungewöhnlich kennen. Sport als kommunikative Brücke zwischen den Neustädter*innen und Gästen – ein durchaus gelungenes Experiment!

Ein weiteres Highlight des Abends waren die anschließenden Dehn- und Entspannungsübungen im sakralen Kirchenraum. So etwas habe man noch nie erlebt und die Kirche sei durchaus ein geeigneter Ort mit einer ganz besonderen Atmosphäre, an dem man gut zu körperlicher und geistiger Ruhe sowie Entspannung finden könne, meinten einige Teilnehmer*innen im Anschluss der Übungen. Ob es ein solch eindrucksvolles Erlebnis wieder einmal in der Michaeliskirche gibt? Das entscheiden wohl ganz allein die Neustädter*innen selbst…

Neue Perspektive auf einen gewohnten Klang

Jeden Tag sind sie im Ort und darüber hinaus zu hören. Längst ist ihr Klang zur alltäglichen Gewohnheit geworden, man orientiert sich im Alltag an ihren stündlichen Schlägen und weiß genau zu welchen Anlässen sie erklingen. Ohne sie wäre das Leben im Dorf nicht vorstellbar. Die Glocken der Michaeliskirche. Ihren Klang kennen wir bereits. Aber wie es im Glockenturm ausschaut, das wussten bisher wohl nur ganz wenige. Wir ermöglichen eine neue Perspektive auf einen gewohnten Klang…

Sushi-Abend am Altar

Das Sushi liegt auf glattschwarzen Schieferplatten,vierzehn Menschen sitzen an der japanischen Essenstafel gleich an der Altarstufe der Michaeliskirche. Im Licht der mattweißen Kerzenschalen essen alle zusammen, tauschen sich aus.

Die Altartreppe schmiegt sich als Sitzgelegenheit an den für die japanische Esskultur typisch niedrigen Tisch. Aus alten hölzernen Gerüstbohlen und roten Ziegelsteinen aus der Kirchenscheune, ein paar Kissen und einfachen Umzugsdecken ist die atmosphärische Tafel entstanden.

Schuhpaare stehen vor dem Altar, in Socken und mit Sushi-Stäbchen, entdecken einige auch zum ersten Mal die gerollte Reisspezialität. Die bunten Nigiri und Maki hatten alle vorher zusammen mit Noriko gerollt und angerichtet, gar nicht so einfach und echte Handarbeit. Noriko hatte bei einem Workshop erklärt, wie man den Reis für Sushi richtig kocht und wie man die gefüllten Algenblätter richtig schneidet. Auch wenn nicht jede Rolle perfekt wurde, das gemeinsame Ausprobieren von etwas Neuem war eine schöne Gelegenheit sich kennenzulernen, auszutauschen, zu quatschen und zu lachen.

Nach diesem gemeinsamen Kochkurs, ist das Eis an der gemeinsamen Tafel am Altar längst gebrochen. Die Gespräche sind intensiv. Die Neustädter*innen interessiert der Gedanke der Umnutzung und sie erzählen, was ihnen fehlt, was sie sich vorstellen könnten, wenn sich die Kirche als Ort für mehr Programm und neue Formen der Begegnung öffnet, wie Musikunterricht oder Abende wie diesen.

Dann stehen zwei Wanderinnen in der Kirchentür, blicken neugierig hinein. Die zwei Frauen aus Erfurt und Berlin machen eine Rennsteigtour, wollten die Kirche ansehen, und gesellen sich spontan dazu und freuen sich das Sushi zu genießen. Unverhofft ist die Michaeliskirche gleich ein wenig zur Her(r)bergskirche geworden, wir freuen uns auf mehr…