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SVEN VÖLKER

DER GEBLIEBENE

In Tambach-Dietharz hält Sven Völker den Laden am Laufen - und das letzte Sägeblatt.

In allen kleinen Städten und Dörfern gibt es Menschen, die den Laden am Laufen halten – und die sind nicht immer Bürgermeister*in, nein, meistens bleibt ihr Gesicht im Hintergrund. In Tambach-Dietharz ist einer dieser Menschen Sven Völker, Mitte 30, Ur-Tambacher - „eigentlich ja Ur-Dietharzer“ – und die Chancen stehen gut, ihm dort über den Weg zu laufen. Wo man Sven treffen kann: Zum Beispiel beim Spitterbach, den Sven von Grünwuchs und Müll befreit, oder beim Rasenmähen im kleinen Kurpark. Im Winter ist er derjenige, der das Streusalz auf die vereisten Straßen bringt und im Sommer den Grill für das Volksfest. Dann aber in seiner Funktion als Stellvertretender Stadtbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr, nicht als Angestellter des Bauhofs.

Schon von klein an bin ich hier auf den Stämmen bis zur Gattersäge mitgefahren.

Man kann sich aber auch offiziell mit Sven verabreden – denn Sven leitet die wöchentlichen Führungen durch das Sägewerk. Das letzte, das der Stadt, deren Wohlstand früher auf Holz und der Möglichkeit beruhte, die zahlreichen Wasserläufe industriell zu nutzen, noch geblieben ist. Heute ist das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert mit Säge aus den 1930ern zusammen mit der nahen Talsperre des alten Tambacher Stausees ein technisches Museum. „Schon von klein an bin ich hier auf den Stämmen bis zur Gattersäge mitgefahren“, erzählt Sven lachend. Sein Opa stand als Arbeiter jederzeit ohnehin dort, erzählt er über die Zeit vor der Schließung des Betriebs 1997, und „das erste, was man gemacht hat nach der Schule war, sich hier auf den Stapler zu setzen.“ Jetzt präsentiert er Gästen, wie die Säge funktioniert, er lässt die Funken sprühen an der Schleifmaschine für die Sägeblätter und zeigt im Keller, wie die Antriebsriemen in Bewegung kommen.

Wir sind die Generation, die hier geblieben ist.

Während Geschichten aus dem ländlichen Raum in Thüringen meistens vom Brain-Drain erzählen, von der Perspektivlosigkeit und dem Zwang der jungen Menschen, wegzugehen, kann Sven über Tambach-Dietharz nur das Gegenteil sagen. Der Ort hat noch immer eine blühende Mittelstandsindustrie, die „Schraube“, das hiesige Metallwerk, hat Generationen Arbeit gegeben. „Aus meiner Klasse sind die wenigsten weggezogen. Wir sind die Generation, die hiergeblieben ist. Mir fällt keiner ein, der keine Arbeit hätte.“ An Tambach mag er „einfach alles“, sagt er, „Wald, Landschaft, Heimatgefühl“ – ans Wegziehen hat er nie gedacht. Heute hat er sich eingerichtet im Haus der Großeltern seiner Frau, das die beiden vor einigen Jahren kauften, um dort eine Familie zu gründen – ganz in der Nähe der Lutherkirche. Vielleicht also noch eine Möglichkeit, Sven zu treffen: als Papa beim Spazierengehen nach Feierabend.

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