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HORST BRETTEL

DER HUTAUFSETZER

Sein Organisationstalent ist in der Dorfgemeinschaft von Neustadt am Rennsteig sprichwörtlich. Jetzt legt der 74-Jährige viele seiner Ehrenämter langsam nieder – die HER(R)BERGSKIRCHE lässt ihn aber noch nicht los.

„Mittlerweile gibt es in Neustadt ein geflügeltes Wort: Wenn der Horst dir entgegenkommt, dann wechsle die Straßenseite“, erzählt der so etwas zweifelhaft Geehrte lachend und hält noch einmal die Flamme in die verglühende Pfeife. „Denn der hat sicher eine Aufgabe für dich!“ Nun mag man sich wundern, welche Aufgaben überhaupt noch übrigbleiben, wenn Horst Brettel erst einmal Hand angelegt hat. Er hat ab 2017 das erste der HER(R)BERGSKIRCHENprojekte mit aufgebaut und begrüßt heute noch viele Gäste persönlich. Und darüber hinaus: Brettel ist seit 2001 Mitglied im Gemeindekirchenrat und war bis 2019 in der Kreissynode; er war Vorsitzender des Finanzausschusses des Kirchenkreises und dessen Präses. Außerdem war er auch zehn Jahre lang stellvertretender Bürgermeister. Und die Interessengemeinschaft Neustadt am Rennsteig hat er gegründet. Ziel: das Dorf gegen alle Widrigkeiten des ländlichen Raumes lebenswert zu gestalten. „Das Nein-Sag-Gen fehlt mir“, sagt er in der Spätsommersonne auf der Bank im Garten der Michaeliskirche, um die, man ahnt es, er sich kümmert.

In den Schieferhäusern über dem Tal des Flüsschens Schleuse ist der Wandel angekommen.

Aber es ist natürlich auch so, dass ein Ort wie Neustadt am Rennsteig bei aller Idylle, inmitten derer die Neustädterinnen leben, auch ab und zu einen braucht, der*die sich den Hut aufsetzt. Hände, die anpacken, die finden sich dann immer. In den Schieferhäusern über dem Tal des Flüsschens Schleuse ist der Wandel angekommen. Nachdem die Bevölkerungszahl lange rapide zurückging, halten sich Geburten und Todesfälle mittlerweile die Waage. Junge Familien ziehen her. Andererseits ist das Gefüge der Dorfgemeinschaft an vielen Stellen ausgebeult. Der Kandidat der AfD erhielt bei der letzten Landtagswahl im Dorf mehr als ein Drittel der Stimmen – und das ärgert Brettel gewaltig.

Heute hat Brettel zwar erkannt, dass er kein Nein-Sag-Gen hat, aber dafür kann er etwas viel Selteneres: Verantwortung abgeben.

Das Dorf liegt zwar als eine von wenigen Ortschaften direkt am Rennsteig-Wanderweg – der verläuft gleich vor der Michaeliskirche –, aber doch in einer Randlage. Das Jahr 1989 prägt viele Biografien. Auch die von Horst Brettel. Er stammt aus dem oberfränkischen Coburg. Kurz nach der Wende lernte er seine jetzige Lebensgefährtin kennen. Der Systemprogrammierer entschied sich 1996, in ihre Heimat am Rennsteig zu ziehen – und landete in Neustadt. Der Start war nicht einfach. Es hat einige Jahre gedauert, bis er angekommen ist, im Dorf und in der Dorfgemeinschaft. Und: „Wenn du als Wessi in so eine Region kommst, hast du sehr schnell den Ruf eines ‚Besser-Wessis‘ weg. Ich habe mich jedes Jahr bei der Kirchweih gefreut, wenn ich wieder ein paar Leute mehr kannte.“ Also Verantwortung nur übernehmen, um sich zu integrieren? Nein, sagt Brettel: „Mich motivieren Probleme.“ Heute hat Brettel zwar erkannt, dass er kein Nein-Sag-Gen hat, aber dafür kann er etwas viel Selteneres: Verantwortung abgeben. Als Vorsitzender des Kirchengemeindeverbandes Neustadt-Altenfeld ist seine Freizeit aber auch weiterhin gut ausgefüllt und die nachhaltige Entwicklung der HER(R)BERGSKIRCHE bleibt für ihn eine Herzensangelegenheit. Umso besser, dass die Zukunft der Kirche auf mittlerweile sechs Schultern verteilt werden kann.

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