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RALF KRAFT

DER TAUSENDSASSA

Von Schrauben zu Huskys ist es ein langer Weg? Nicht, wenn man einen fragt, der immer nach vorn blickt.

Was macht ein kurzärmeliger Rennsteig-Wanderer auf der Durchreise in Tambach-Dietharz, wenn es regnet? Bei Familie Kraft klingeln und für immer bleiben. In der Langversion betritt er das Outdoor-Eventzentrum in der Schmalkalder Straße durch den von Bannern mit großen Hundekulleraugen flankierten Seiteneingang und kommt nach drei Nächten in voller Freeclimber-Montur mit Frühstück im Bauch, einem Huskywelpen unterm Arm und dem Musher-Schein in der Tasche hinten wieder raus, um sich zu fragen: Warum? Denn eigentlich möchte er gar nicht wieder weg aus dem Städtchen am Nordhang des Thüringer Waldes. Was klingt, wie der Plot in einem von Ralf Krafts märchenhaften Büchern, könnte sich in den neun Jahren, seit der Tausendsassa das ehemalige Konsum-Warenhaus gekauft und zum Shoppingparadies für Hundebedarf und Wanderequipment mit Pension, Café und Tierphysiotherapiepraxis umgebaut hat, tatsächlich so zugetragen haben.

Alles, was wir als Familie tun, ist immer schon die Vorbereitung auf das, was in zehn oder 15 Jahren kommt.

„Ich hab‘ jetzt hier zwei kräftige Wilde, einen Harmlosen und einen großen Ruhigen“, sagt Ralf an diesem Vormittag mit dem vorfreudigen Gesicht eines Kindes, das nach den Hausaufgaben zum Toben in den Wald aufbricht. Dabei beginnt für den 53-Jährigen gerade die Arbeit. „Da kann man sich immer aussuchen, welche Persönlichkeit im Moment passt“, fährt er fort, während er drei von 20 Haus- und Hofhuskys in den Anhänger und einen, den Harmlosen, für eine Tourist*innenspritztour den Berg auf 600 Meter hinauf in seinen Transporter packt. Wovon Ralf spricht, sind natürlich die Hunde, aber er könnte genauso gut sich selbst meinen. Denn der gebürtige Erfurter ist seit seiner Lehrausbildung zum Werkzeugmacher in der „Schraube“ in Tambach-Dietharz eigentlich schon alles gewesen. Auch wenn einer, der nur zurückschaut, wenn er danach gefragt wird, das natürlich anders sieht: „Alles, was wir als Familie tun, ist immer schon die Vorbereitung auf das, was in zehn oder 15 Jahren kommt“, meint Ralf, die Route der Schlittenhundwanderung auf dem Hochplateau jenseits des vormaligen Truppenübungsplatzes Ohrdruf im Blick und mit Sicherheit schon das dritte Kinderbuch fürs ortsansässige Hospiz im Kopf. „Irgendwann sind das hier auch alles Rentnerhunde, die dann keinen Schlitten mehr ziehen können, von mir mal ganz abgesehen“, sagt er. „Deshalb gibt es da immer diesen ungeschriebenen Businessplan.“

Irgendwann sind das hier auch alles Rentnerhunde, die dann keinen Schlitten mehr ziehen können, von mir mal ganz abgesehen.

Wenn man dem Mann mit der Brille der Voraussicht unter der jugendlichen Schiebermütze zuhört, war das eigentlich schon immer so – sogar damals, mit 16, als es für andere Jugendliche nur Zufälle gab. Für Ralf gab es die DDR. Aber in ihr auch Pläne, die Träume waren. „Aus der stressigen Stadt wegzugehen, fühlte sich an wie ein Sechser im Lotto“ erinnert er sich an seinen Umzug in den 4.000-Seelen-Ort, in dem er nicht nur seine Frau Christina, sondern auch jeden Höhenmeter kennen und lieben lernte. „Ich wusste schon immer, dass ich in den Thüringer Wald wollte.“ Was Ralf noch wollte: Herrenmaßschneider werden. Ende der 1980er Jahre war das. Und selbst in den Erzählungen eines Rastlosen wird es an dieser Stelle Zeit für einen Moment des Innehaltens, der wie das Schraubenwerk oder das Konsum-Warenhaus zu nahezu jeder Geschichte in Tambach-Dietharz gehört: „Dann kam die Wende.“ Man könnte auch „Bremse“ sagen und traurig das Gesicht verziehen, aber Ralf Kraft hält nichts von Halt auf halber Strecke – im Schlitten wie im Leben nicht. In diesem machte er also „in der Nacht des Mauerfalls nach Wuppertal rüber“ und anschließend fünf Jahre „in Finanzwesen, weil der Schneiderberuf in der freien Marktwirtschaft nicht mehr so von Reichtum gesegnet war.“ Und schließlich, „was man eben so macht“, drei Galerien auf in Thüringen zum Beispiel, Malen als freischaffender Künstler, 15 Jahre lang – als Vorbereitung für das, was danach kam. Alles unter einem Dach nämlich, in der Schmalkalder Straße, und demnächst sicherlich noch das ein oder andere mehr.

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